Die meisten Tipps für Briefe an Brieffreunde erklären dir, was ein guter Brief können muss. Diese Seite zeigt es lieber: fünf komplette Briefe von fünf ausgedachten Leuten, jeder an einer anderen Stelle eines Briefwechsels, und unter jedem eine kurze Notiz, warum er funktioniert.
Klau dir ruhig den Aufbau. Die Details nicht – die müssen von dir sein.
So schreibst du einen Brief an eine Brieffreundin – in einem Absatz
Ein Brief an deine Brieffreundin hat vier Teile, und keiner davon ist lang. Eine Antwort auf das, was sie geschrieben hat: etwas Konkretes aus ihrem letzten Brief (beim ersten Brief fällt das weg). Eine kleine, wahre Sache aus deiner Woche. Eine Frage ganz am Ende, die sie nur aus ihrem eigenen Leben beantworten kann (sechsundsechzig davon findest du hier). Und ein Gruß zum Schluss, der nach dir klingt. Hundert bis zweihundert Wörter reichen völlig. Weißt du schon bei der ersten Zeile nicht weiter? Hier sind zwölf Briefanfänge.
1. Ein erster Brief an eine fremde Person
Ich mache in einem Kino die Spätschichten. Heißt: Von ungefähr vierzig Filmen kenne ich das Ende und von keinem einzigen den Anfang.
Hauptsächlich fege ich. Etwa zehn Minuten vor Schluss schleiche ich mich mit Besen und Müllsack hinten in den Saal und warte auf den Abspann. So erwische ich jeden Abend einen fremden Film vom falschen Ende her: einen Mann, der auf einem Steg weint, einen Hund, der dünner nach Hause kommt, als er losgelaufen ist, zwei Frauen, die in einem Auto lachen, das ganz offensichtlich gar nicht fährt.
Inzwischen mag ich es, nicht zu wissen, wie die Filme anfangen. Die erste Stunde denke ich mir in der letzten Straßenbahn nach Hause aus. Nachgeschaut habe ich nie. Soweit ich weiß, liege ich also immer richtig.
Wovon kennst du nur das Ende?
Die mit dem Besen
Warum er funktioniert. Er fängt mittendrin an: kein Hallo du, kein Name, kein Alter. Dafür eine einzige schräge, sehr konkrete Sache, erzählt in Bildern, die man vor sich sieht. Im dritten Absatz kommt der Dreh: ein kleines Geständnis, mit dem jemand Fremdes nicht rechnet. Die Frage ist so ungewöhnlich, dass niemand eine Antwort parat hat, und so leicht, dass trotzdem jeder eine hat. Und schau mal, was fehlt: welches Kino, welche Stadt.
2. Die Antwort auf einen ersten Brief
Dieser Brief antwortet auf den Kinobrief von oben.
Du wolltest wissen, wovon ich nur das Ende kenne, und darüber denke ich jetzt seit drei Tagen nach.
Es ist ein Lied. Mein Vater pfeift beim Kochen die letzten acht Takte von irgendwas. Immer nur die letzten acht Takte, immer nur beim Umrühren. Keiner von uns beiden weiß, was es ist. Er glaubt, er hat es in den Neunzigern auf einer Fähre gehört. Ich hab's zwei Apps vorgesummt, die angeblich jedes Lied erkennen, und beide haben aufgegeben. Also: nur Ende, kein Anfang. Damit sind wir wohl Kollegen.
Sonst so: Am Dienstag bin ich durch die Fahrprüfung gefallen, weil ich am Berg zurückgerollt bin. Der Prüfer hat sich sehr langsam etwas notiert. Damit ich es auch ja sehe.
Warst du schon mal an einem freien Tag dort und hast dir einen Film von Anfang an angeschaut – oder würde das alles kaputtmachen?
Hängt noch am Berg
Warum er funktioniert. Die erste Zeile beantwortet die Frage aus dem Kinobrief. So weiß die andere Person gleich, dass ihr Brief gelesen wurde. Und die Antwort steckt voller Details, die es nur in dieser einen Familie gibt: das Umrühren, die Fähre. Danach kommt eine eigene Neuigkeit dazu, damit in diesem Briefwechsel zwei Leben vorkommen und nicht nur eins. Die Frage am Schluss knüpft an ihren Brief an und sagt damit: Ich hab aufgepasst. Mehr muss eine Antwort gar nicht können.
3. Der Brief, nachdem du wochenlang nicht geantwortet hast
Tut mir leid, dass ich so abgetaucht bin. Fünf Wochen. Dein letzter Brief war die ganze Zeit auf meinem Handy offen, und im Kopf habe ich ihn bestimmt zwanzigmal beantwortet.
Kurz gesagt: Ich bin aus der WG ausgezogen, meine Schwester hat ein Baby bekommen, und irgendwo dazwischen ist mir die Puste fürs Briefeschreiben ausgegangen. Nichts Schlimmes. Nur alles auf einmal.
Du hast gefragt, ob der Pulli fertig ist. Ist er nicht. Ich stricke in der neuen Küche daran weiter. Das Fenster geht zum Hinterhof raus, auf eine Mauer in ungefähr achtzig Zentimetern Abstand. Wenn man großzügig ist, geht der Pulli inzwischen als Schal durch. Meine Nichte ist drei Wochen alt und hat schon draufgespuckt. Damit ist er wenigstens eingeweiht.
Wie ist das mit deiner Nebenkostenabrechnung eigentlich ausgegangen? Keine Eile. Ausgerechnet ich kann da ja schlecht drängeln.
Strickt immer noch (schlecht)
Warum er funktioniert. Eine Entschuldigung, gleich in der ersten Zeile, und dann ist auch gut. Jede weitere, und die andere Person schreibt nur noch zurück, um dich zu beruhigen – statt dir wirklich zu schreiben. Die Erklärung will kein Mitleid. Danach geht es direkt zurück zu ihrem Brief, und genau das ist die eigentliche Entschuldigung: Ich hab's mir gemerkt. Nirgends steht Bist du noch da? Der Brief setzt es einfach voraus.
4. Der fünfte Brief: Namen tauschen oder nicht?
Beim fünften Brief merkt man meistens schon, ob aus dem Briefwechsel etwas Längeres wird. Bei Kindredly ist dieser Moment fest eingebaut: Nach je fünf Briefen hin und her könnt ihr Namen tauschen, wenn ihr beide wollt – oder es ganz bleiben lassen.
Ich habe darüber nachgedacht, ob ich deinen Namen wissen will, und bin bei Ja gelandet. Völlig in Ordnung wäre es aber auch, wenn du ihn lieber für dich behältst.
Das hier weiß ich auch ohne ihn: Du nimmst den längeren Weg zur Arbeit, damit du an dem Hund mit der lächerlichen Frisur vorbeikommst. Du findest bei jeder Serie die zweite Staffel besser. Du gehst seit März ins Hallenbad und hast es zu Hause noch niemandem erzählt. Mir aber schon, im zweiten Brief, obwohl du mich gar nicht kennst. Daran denke ich öfter, als ich erwartet hätte.
Ein Name wäre nur eine Sache mehr, die ich über dich weiß.
Also: Wenn du Namen tauschen willst, bin ich dabei. Wenn dir lieber ist, dass wir zwei Fremde bleiben, die vom Hallenbad wissen, schreibe ich genauso weiter wie bisher. Das meine ich ernst.
Warum hast du ausgerechnet mir vom Schwimmen erzählt?
Liebe Grüße – mit oder ohne Namen
Warum er funktioniert. Was er will, steht im ersten Satz. Er macht ein Nein ganz leicht und sagt das sogar zweimal, denn nur einmal gesagt klingt es schnell nach bloßer Höflichkeit. Der Mittelteil ist das beste Argument fürs Namentauschen – und zugleich der Beweis, dass die beiden es gar nicht brauchen. Und gefragt wird nach einem Namen, nicht nach der Handynummer oder dem Insta-Account. Wer Namen tauscht, tauscht noch lange nicht alles andere.
5. Ein kurzer Brief (rund 100 Wörter)
Sollst du für einen Kurs oder eine Prüfung eine „E-Mail an eine Brieffreundin, 80–100 Wörter“ schreiben? Dieser hier hat 96 Wörter und jeden Teil, den auch die langen Briefe haben.
Liebe Marta,
danke für deinen Brief. Bei der Stelle, an der dein Hund nicht durch den Schnee laufen wollte, musste ich lachen. Sehr vernünftiger Hund.
Am Wochenende war ich zum ersten Mal in einer Boulderhalle. Ich bin die leichteste Route bis zur Hälfte hoch, habe nach unten geschaut und bin sofort wieder runtergeklettert. Die Trainerin meinte, das machen beim ersten Mal alle. Glaube ich ihr nicht. Am Samstag gehe ich wieder hin, denn von ein paar lila Plastikgriffen lasse ich mich nicht unterkriegen.
Worin warst du mal richtig schlecht und hast trotzdem weitergemacht?
Liebe Grüße
Jonas
Warum er funktioniert. Erst kommt die Antwort auf Martas Brief (der Hund), dann eine Neuigkeit mit einem echten Detail (die lila Griffe), und am Ende steht eine einzige Frage. Gibt deine Aufgabe Punkte vor, die vorkommen müssen, tausch die Boulderhalle gegen diese Punkte und lass den Aufbau, wie er ist. Ein kurzer Brief ist keine Liste von Fakten, in hundert Wörter gequetscht. Es ist derselbe Brief, nur in klein.
So beendest du einen Brief an einen Brieffreund
Hauptsache, es klingt nach dir. Ein paar Schlusszeilen, die funktionieren:
- Schreib bald. Kennst du noch aus der Schule. Geht immer noch.
- Bis zum nächsten Brief. Geht davon aus, dass es einen gibt.
- Pass auf dich auf. Wenn dir die andere Person von einer harten Woche erzählt hat.
- Etwas aus dem Brief. Die mit dem Besen. Hängt noch am Berg. Strickt immer noch. Die beste Sorte: So etwas hätte niemand sonst schreiben können.
Und zwei, die du dir sparen kannst: Ich freue mich auf deine Antwort (klingt nach Bewerbungsschreiben) und Ich hoffe, du meldest dich bald!! (da betteln die Ausrufezeichen).
Was du lieber weglässt
Jeder Brief oben steckt voller wahrer Dinge, und kein einziges davon würde jemand Fremdem helfen, die Person dahinter zu finden. Genau da verläuft die Grenze: konkret, was dein Leben angeht, vage, was deinen Wohnort angeht. Das lässt du weg, zumindest bis du einen Grund hast, es doch zu erzählen:
- deinen vollen Namen (ein Vorname, wenn ihr beide so weit seid, ist etwas anderes)
- deine Adresse oder alles, was genauer ist als die Stadt
- den Namen deiner Schule, deiner Uni oder deines Arbeitgebers: Ein Kino ist eine Geschichte, der Name des Kinos ist ein Stadtplan
- deine Handynummer und deine Social-Media-Accounts
- Fotos – und Geld, egal in welche Richtung
Mehr dazu: Sicher mit Fremden schreiben. Bei Kindredly geht jeder Brief an Fremde durch einen Sicherheitscheck, bevor er ankommt, und mit einem Fingertipp meldest oder blockierst du, wen du willst.
Und falls du noch nicht weißt, wohin mit so einem Brief: Kindredly ist eine kostenlose, anonyme Brieffreunde-App. Dort landet ein Brief an niemand Bestimmten zuerst bei Fremden, die so schreiben wie du.