Wer Brieffreunde sucht, findet an einem Nachmittag zehntausend. Daran ist es noch nie gescheitert. Das Problem ist ein anderes: Du schreibst vier Leuten, zurück kommt eine einzige Antwort – ein Absatz über die eigenen Hobbys, und danach herrscht Funkstille.
Jede Brieffreunde-Seite, jede App und jedes Forum funktioniert – in dem Sinn, dass dort Menschen sind. Fast nirgends funktioniert es in dem Sinn, dass daraus ein Briefwechsel wird, der den dritten Brief übersteht. Um genau diesen Unterschied geht es hier.
Wo man heute Brieffreunde findet
Auf Papier, mit der Post. Postcrossing schickt dir die Adresse eines fremden Menschen, und irgendwer, den du nicht kennst, schickt dir eine Postkarte. Das Projekt ist riesig, gut organisiert und eigentlich kein Brieffreunde-Dienst: eine Karte hin, eine zurück, dann ist schon der Nächste dran. Klassische Brieffreunde-Clubs gibt es auch noch (International Pen Friends vermittelt seit 1967 Brieffreundschaften). Die Papierfraktion ist treu, im Schnitt älter und langsam im besten Sinne.
Foren. Unter den kostenlosen Anlaufstellen ist in den Brieffreunde-Communitys auf Reddit am meisten los. Du postest eine kurze Anzeige – Alter, Land, ein Satz über dich – und wartest auf Nachrichten. Bei manchen klappt das. Dazu kommt aber das altbekannte Spiel: vierzig Nachrichten am ersten Tag, die meisten nur eine Zeile lang, ein paar von Leuten, die gar keine Brieffreundschaft suchen.
Apps. Eine Handvoll Apps hat aus der Idee vom Brief, der unterwegs Zeit braucht, ein Produkt gemacht: Je nach Entfernung dauert es Stunden oder Tage, bis dein Brief „ankommt“. Das hat was. Nach einer Woche ist daraus aber meist eine Chat-App geworden, nur langsamer: Profile, Fotos, eine Kontaktliste – und wieder die Frage, wem man zuerst schreibt.
Sprachaustausch. Apps à la Tandem bringen dich mit jemandem zusammen, der deine Sprache lernt, während du seine lernst. Gut, wenn du genau das suchst. In den Briefen geht es dann allerdings meist um die Sprache und weniger ums Leben.
Schulprojekte. Briefwechsel von Klasse zu Klasse. So kamen die meisten Leute über dreißig zu ihrer ersten Brieffreundschaft – und deshalb verbinden sie mit dem Wort bis heute etwas.
Warum es beim ersten Brief bleibt
Frag Leute, die es schon probiert haben, und du hörst jedes Mal dieselbe Geschichte. Nicht Mir hat keiner geschrieben – geschrieben haben viele –, sondern Mir hat keiner ein zweites Mal geschrieben. Dafür gibt es drei Gründe, und keiner davon lautet: Die Leute sind eben unzuverlässig.
Ausgesucht wurdest du nach Steckbrief, nicht nach Schreibstil. Alter, Land, Foto, eine Liste deiner Interessen – das zeigt eine Brieffreunde-Seite Fremden von dir, und danach suchen sie aus. Wonach auch immer sie gegangen sind: nach deinem Schreibstil jedenfalls nicht. Dabei ist er das Einzige, was sie von dir bekommen werden.
Im ersten Brief gab es nichts zu beantworten. Hey, hab dein Profil gesehen, ich lese und reise auch gern, erzähl mal was von dir. Da fehlt jeder Aufhänger. Man liest es, will eigentlich antworten und tut es dann doch nicht – weil es auf nichts Bestimmtes zu antworten gibt.
Niemand hat ihn überbracht. Im Forum ist ein Brief eine Nachricht unter vierzig. Dem System ist es egal, ob er gelesen wird. Und nichts verrät dir, ob er gelesen wurde.
Drei Dinge, die dagegen helfen
1. Lass den Schreibstil entscheiden, nicht die Interessenliste. Zwei Menschen, die beide „gern Musik hören“, haben deshalb noch lange nichts gemeinsam. Zwei Menschen, deren Sätze im selben Takt laufen, die beide zum konkreten Detail greifen, die beide einen Absatz früh enden lassen – die verbindet etwas, und das merken sie schon im ersten Brief. Wortwahl, Rhythmus, Zeichensetzung, wie lange du einen Satz laufen lässt: Das alles ist ein Fingerabdruck, und Fremde spüren deinen, bevor sie wissen, wie du heißt. (Was die Forschung dazu sagt, haben wir hier aufgeschrieben.)
2. Schreib eine Flaschenpost. Der beste erste Brief richtet sich an kein Profil. Er erzählt etwas Ehrliches aus deiner Woche, an alle, die gerade zuhören, und endet mit einer Frage. Es ist der Brief, den du schreiben würdest, wenn es kein Foto gäbe, nach dem man dich beurteilt. Und am richtigen Ort gibt es keins.
3. Lass nur eine Person antworten. Ein Brief geht an ein paar Leute, die so schreiben wie du, und wer als Erstes antwortet, ist die Person, die es wollte. So fängt ein Briefwechsel an: weil sich jemand dafür entschieden hat. Ein Brief, auf den vierzig Leute antworten, ist dagegen ein Benachrichtigungsproblem.
So macht es Kindredly
Wir haben Kindredly gebaut, weil es uns um den zweiten Brief ging, nicht um den ersten.
- Es gibt keine Profile und keine Fotos. Du schreibst ein paar Zeilen über dich, und daraus schlüpft deine Botin. Ab dann gehen deine Briefe an Menschen, die ähnlich schreiben wie du.
- Jeden Tag landen fünfzehn Briefe auf deinem Schreibtisch. Auf keinem steht dein Name – und doch ist jeder, den du in die Hand nimmst, an dich geschrieben.
- Antwortest du, öffnet sich ein privater Briefwechsel: ein Brief nach dem anderen, keine Sprechblasen, keine Lesebestätigungen. Nach je fünf Briefen hin und her könnt ihr Namen tauschen – oder es lassen.
- Solange ihr euch noch die fünf Briefe hin und her schreibt, schließt sich ein Briefwechsel nie. Habt ihr Namen getauscht, schließt sich euer gemeinsames Zimmer im kostenlosen Tarif still und leise, wenn dort dreißig Tage lang kein Wort fällt. Mit der Ersten Klasse bleibt es offen. Sonst läuft nichts ab.
Kindredly ist kostenlos, läuft in zehn Sprachen (auf Wunsch mit Übersetzung), und du kannst die Briefe von heute ganz ohne Konto lesen. So siehst du, ob dort jemand so schreibt, dass du antworten würdest.
Falls du woanders suchst: eine kurze Checkliste
- Mach einen Bogen um alles, was zuerst Fotos zeigt. Du suchst kein Gesicht.
- Schreib im ersten Brief über eine echte Kleinigkeit. Nicht über deine Hobbys. Über den Wasserkocher, die Nachbarin, das Ding, das du repariert hast.
- Setz ans Ende eine Frage, die kein Profil beantworten kann. (Hier sind 66 davon.)
- Gib dem Ganzen eine Woche. Dann schreib einen neuen Brief, an jemand anderen, und hör auf zu zählen.
- Wechsle vor dem fünften Brief nie in eine Chat-App. Wer dich darum bittet, sucht keine Brieffreundschaft.
Brieffreunde zu finden ist leicht. Ob du auch den einen Menschen findest, der zurückschreibt, hängt davon ab, ob man dich über das Richtige findet. Und das Richtige sind, wie sich zeigt, deine eigenen Sätze.