Da ist etwas, das du noch keinem erzählt hast. Dabei hättest du gern, dass es jemand hört. Erzählst du es einem Freund, fragt er ab jetzt bei jedem Treffen, wie es damit steht. Packst du es in deine Story, weißt du genau, wer sie anschauen wird – und kannst dir die Gesichter dazu schon vorstellen. Also wünschst du dir auf einmal jemand Fremdes. Einen Menschen, der dich noch nie gesehen hat und es in einem Brief liest.
Wenn du gerade nach einem Weg gesucht hast, anonym mit Fremden zu schreiben, weißt du vermutlich längst, was drinstehen soll. Offen ist eher das Wo: ein Post auf Reddit, ein Discord-Server, eine App, die genau dafür da ist. Und danach die Frage, was du dort lieber für dich behältst.
Ohne Namen passt mehr in einen Brief
Wer anonym schreiben will, hat deshalb nicht gleich etwas zu verbergen. Es geht um etwas anderes: Wer deinen Brief liest, kennt dich nicht. Also kann nichts, was du schreibst, daran rütteln, wie dich die Leute um dich herum sehen. Schon das nimmt erstaunlich viel Druck raus.
Ich glaube, der Job ist nichts für mich – sag das mal jemandem bei der Arbeit. Ich will nicht zurück aufs Dorf – sag das mal den Freunden, die nie weggezogen sind. Die Menschen, die dir am nächsten stehen, kannten dich schon vor so einem Satz und sind auch danach noch da. Und in dem Moment, in dem er raus ist, verschiebt sich zwischen euch etwas. Wer dich nicht kennt, hat nur die Worte.
Aus demselben Grund schreiben Leute bis heute an den Kummerkasten einer Zeitschrift und unterschreiben mit Müde aus Münster. Mit Verstecken hat das wenig zu tun. Man legt nur für einen Moment alles ab, was am eigenen Namen dranhängt. Was dann übrig bleibt, ist meistens ehrlicher, als man gedacht hätte.
Nur eins: Anonymität ist kein Kostüm. Machst du dich ein paar Jahre älter oder erfindest du eine Trennung, die es nie gab, werden die Briefe schnell anstrengend. Dann hast du nämlich eine Rolle, die du durchhalten musst. Wie du heißt und wo du wohnst, behältst du für dich. Was du schreibst, ist wahr. So lebt es sich ziemlich leicht in der Anonymität.
Außerdem will ein Brief, anders als eine Nachricht, nicht sofort beantwortet werden. Lass dir ruhig einen Tag Zeit. Dass es nicht eilt, macht es auch leichter, ehrlich zu sein.
Zwei Wege zu einer anonymen Brieffreundschaft
Entweder du gibst dort, wo Leute Brieffreunde suchen, selbst eine Anzeige auf. Oder du nimmst eine App, die zwischen dir und der fremden Person steht.
Selbst zu posten kostet nichts und geht schnell. Ein Subreddit wie r/penpals, ein Discord-Server für Leute, die gern Briefe schreiben, eine der Brieffreunde-Seiten, die es schon seit Ewigkeiten gibt: Du schreibst ein paar Zeilen und suchst dir unter denen, die antworten, jemanden aus. Der Haken: Zwischen euch steht niemand. Was du erzählst und was nicht, wo deine Grenze liegt – das alles entscheidest du selbst. Und wird jemand aufdringlich, geht keiner dazwischen.
Eine App kann dir davon etwas abnehmen. Wie viel, ist allerdings sehr unterschiedlich. Wo man sonst noch sucht, von Brieffreunde-Clubs auf Papier bis zu Sprachaustausch-Apps, steht in Brieffreunde finden.
Ein eigener Post auf r/penpals und Co.
Gute Brieffreunde findet man dort tatsächlich. Ob es bei dir klappt, hängt vor allem an deinem Post – und daran, was du nicht verrätst, sobald die ersten Antworten kommen.
Gib den Leuten etwas zum Antworten, keinen Steckbrief
22/w, Studentin, hat jemand Lust auf eine Brieffreundschaft? Darauf bekommst du einen Haufen Nachrichten, in denen hey steht und sonst nichts. Es gibt in dem Post ja auch nichts, worauf man antworten könnte.
Suche Brieffreundschaft, gern langsam. Alle paar Tage reicht, ich bin selbst nicht schneller. Keine Namen, keine Socials, zumindest erst mal. Seit ein paar Wochen steig ich eine Station früher aus der Tram und lauf den Rest, meistens nur, weil der Song noch nicht zu Ende ist. Wenn du mir schreibst, erzähl zuerst von deinem letzten Umweg. Irgendwo, wo du warst, obwohl du gar nicht hinmusstest.
Tempo und „keine Namen“ gehören ganz nach vorn. Dann ziehen alle, die etwas anderes suchen, von allein weiter. Den Rest sortiert die Sache mit dem Umweg: Du siehst sofort, wer darauf eingegangen ist und wer nur hey geschickt hat.
Worauf du achten solltest
- Leg keine Puzzleteile aus. Dein Alter, deine Stadt, deine Uni, dein Job: Jedes Teil für sich ist harmlos. Zusammengesetzt bleibt nur noch eine Handvoll Leute übrig, die du sein könntest. Anfang zwanzig, irgendwo im Norden reicht völlig. Posts stehen noch da, wenn du sie längst vergessen hast, und auf Reddit ist dein ganzer Verlauf meist nur einen Klick von deinem Nutzernamen entfernt.
- Nimm einen Account, der nicht zu dir führt. Ein Wegwerf-Account auf Reddit, ein Discord-Name, den du sonst nirgends benutzt, eine Mailadresse, in der dein Name nicht vorkommt. Kommt jemand von deinem Nutzernamen bis zu deinem Instagram, ist es mit der Anonymität vorbei.
- Wechsle nicht gleich die App. Will jemand schon nach zwei, drei Nachrichten auf Snapchat, Instagram oder WhatsApp weiterschreiben, dann mach langsam. Dein Anzeigename, dein Profilbild und manchmal deine Handynummer kommen mit, und aus den Briefen wird ganz normales Chatten in einer App, die du sowieso den ganzen Tag offen hast. Wenn du Briefe wolltest: Es eilt nicht.
- Geht es um Geld, ist Schluss. Porto, eine Gutscheinkarte, ein Notfall, irgendein Krypto-Ding, mit dem der Cousin angeblich ein Vermögen gemacht hat. Ohne Ausnahme, egal, wie nett die Person wirkt.
Dazu kommen leisere Zeichen. Jemand fragt nach Fotos. Komplimente, die in keinem Verhältnis zu dem stehen, was du tatsächlich geschrieben hast. Ein kleiner Vorwurf, wenn du mal länger für die Antwort brauchst. Bei jedem davon darfst du aufhören zu schreiben, und eine Erklärung schuldest du einer fremden Person nicht. Mehr dazu in Sicher mit Fremden schreiben.
Eine anonyme Brieffreunde-App aussuchen
Anonym nennen sich viele Apps. Gib nichts auf das Wort und schau, was die App tatsächlich macht. Vier Tests:
- Sieht irgendwer deinen echten Namen oder dein Gesicht? Wird dein echter Name angezeigt oder ist ein Profilfoto Pflicht, ist die App nur in der Werbung anonym. Fotos plus Swipen ergibt eine Dating-App, ganz egal, wie sie sich nennt.
- Werden Briefe an Fremde geprüft, bevor sie ankommen? Stell dir einen Brief vor, in dem jemand Kontaktdaten tauschen will oder um Geld bittet. Wird er abgefangen, bevor ihn jemand liest, nimmt dir die App einen großen Teil der Aufpasserei ab, die du im Forum selbst erledigen müsstest.
- Kannst du sofort melden und blockieren? Direkt aus dem Brief heraus, den du gerade liest, ohne dich erst durch Menüs zu klicken. Und wenn du jemanden blockiert hast: Kommt die Person dann wirklich nie wieder an dich heran?
- Ist die App nur für Erwachsene ab 18? Dann hat sie schon mindestens eine Grenze für dich gezogen, bevor irgendwer ein Wort schreibt.
Fällt eine App bei einem der vier Tests durch, behandle sie wie ein Forum: Auf dich aufpassen musst du dann selbst.
Der erste Brief: klein und ehrlich
Am schnellsten verschenkt man einen anonymen Brief so: Man lässt den Namen weg und alles andere gleich mit. Hi, ich bin Mitte zwanzig, arbeite im Büro, schau gern Filme, freut mich! Damit kann jemand Fremdes nichts anfangen.
Schreib über eine kleine Sache aus dieser Woche. Dazu ein Satz, der ein Stück weiter geht, als du bei Fremden sonst gehen würdest. Und zum Schluss eine einzige Frage.
Heute Morgen am Gleis hat der Mann vor mir einen Handschuh fallen lassen und es nicht gemerkt. Normalerweise legt man so was aufs nächste Geländer und geht weiter. Ich bin ihm stattdessen die halbe Treppe hoch hinterher, und als ich ihm den Handschuh hingehalten hab, hat er ihn angeschaut, als hätte ich etwas gefunden, das ihm vor Jahren abhandengekommen ist. Er hat zweimal danke gesagt. Das hat mir den ganzen Vormittag gute Laune gemacht, ihm vermutlich nicht ganz so lange. Ich glaube, bei mir hat sich zuletzt irgendwann im Juni jemand für irgendwas bedankt. Wofür hat sich zuletzt jemand bei dir bedankt?
Kein Name, keine Stadt, kein Job. Und trotzdem klingt der Brief nach genau einem Menschen und nach niemandem sonst. Wie ein erster Brief aufgebaut ist, steht in Dein erster Brief an einen Brieffreund, samt zwölf Briefanfängen. Ab dem zweiten Brief helfen dir 66 Fragen zum Kennenlernen weiter.
Manchmal kommt keine Antwort. Was auf der anderen Seite los ist, siehst du nicht: eine harte Woche, eine halbe Antwort, über der jemand eingeschlafen ist. Warte eine Woche ab, dann schreib jemand anderem. Und fang nicht an, über alle Buch zu führen, die sich nie gemeldet haben.
Über Kindredly
Kindredly ist eine anonyme Brieffreunde-App, kostenlos auf dem iPhone und im Web. Du schreibst einen Brief an niemand Bestimmten, und deine Botin, ein Vogel, fliegt mit ihm los. Der Brief landet zuerst auf den Schreibtischen von Fremden, die so schreiben wie du. Keine Profile, keine Profilbilder, kein Swipen.
- Fremde sehen statt deines Namens eine Nummer wie Nr. 4207 und ein Gesicht aus Kästchen.
- Nach je fünf Briefen hin und her könnt ihr Namen tauschen, wenn ihr beide wollt. Oder nie.
- Briefe an Fremde gehen durch einen Sicherheitscheck, bevor sie ankommen.
- Melden oder blockieren kannst du jede Person mit einem Fingertipp. Wer von drei verschiedenen Leuten gemeldet wird, kann automatisch keine Briefe mehr verschicken.
- Kindredly ist nur für Erwachsene ab 18.
- Jeden Tag landen fünfzehn Briefe von Fremden auf deinem Schreibtisch, und du kannst fünf neue eigene losschicken. Innerhalb eines Briefwechsels schreibt ihr euch, so oft ihr wollt.
- Zehn Sprachen, und auf dem Schreibtisch gibt es einen „Übersetzen“-Button.
Alles Weitere steht unter So funktioniert Kindredly, Sicherheit und Mit Fremden schreiben.
Es ist eigentlich eine Kleinigkeit, jemandem zu schreiben, dessen Namen du nicht kennst, und deinen eigenen wegzulassen. Kann trotzdem sein, dass dir beim Aufstehen ein bisschen leichter ums Herz ist als beim Hinsetzen. Egal, wo du schreibst: Fang mit etwas Wahrem an.